ULLAS ALLERLEI



MOHNKLÖßE

Die Mohnklöße werden zwar nicht gebacken, aber sie gehören zum süßen Teil des Weihnachtsessens.

Es ist das einzige Weihnachtsrezept, das aus meiner Kindheit stammt. Natürlich habe ich es inzwischen verfeinert. Den genauen Ursprung kenne ich nicht. Ich nehme nicht an, daß es durch die Familie meines Vaters überliefert wurde. Sie stammte aus Schivelbein in Pommern (heute Polen). Der Mohn ist wohl mehr in der österreich-ungarischen, bömisch-mährischen Küche zu Hause.

Mein Vater war Ingenieur für Fernmeldetechnik und als solcher im Krieg u. k. - unabkömmlich. Seinen kriegswichtigen Dienst leistete er in Zivil in Mährisch-Schönberg. Durch die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren (1939) gehörte dieses hübsche, kleine Städtchen praktisch zum Großdeutschen Reich. Heute ist es wieder tschechoslowakisch und heißt Sumperk.
Meine Mutter und ich durften ihn begleiten, und so verbrachte ich dort ein paar Monate meiner Kindheit.
Illa hatte, weil sie viel braver war als ich, bei einer Schwester meines Vaters auf einem Bauernhof in Pommern Unterschlupf gefunden.

In Erinnerung sind mir: Ein tiefer Sturz beim Treppenrutschen mit einer schweren Gehirnerschütterung (seitdem erklärte sich mein Vater jede meiner Widerspenstigkeiten damit, daß ich auf den Kopf gefallen sei), meine erste Einschulung, das Erlernen der Sütterlinschrift (meine Schulzeit in Mährisch-Schönberg war wohl zu kurz, ich kann heute keinen einzigen Buchstaben mehr) und die leckeren Gerichte, wie Mohnbuchteln und Mohnklöße.

So bin ich fest überzeugt, daß meine Mutter dieses Rezept aus Mährisch-Schönberg ins heimatliche Berlin mitnahm.

Anfang 1945 wurden die Familienmitglieder der U. K.s nach Hause geschickt und die noch wehrtauglichen Männer nun doch für den Kriegsdienst eingesetzt. Ein Oberschenkeldurchschuß rettete meinen Vater vor dem Gefangenentransport nach Rußland. Schon im Herbst 1945 war er wieder bei uns in Berlin. Meine Schwester war bereits einige Zeit früher mit Onkel Karl und Cousine Dorle zu uns geflüchtet. Tante Berta hatte beim Einmarsch der Russen den Tod gefunden. Onkel Karl war schon recht alt und starb noch 1945.

Warum die Mohnklöße "Klöße" genannt werden, kann ich dir leider auch nicht sagen; sie werden weder zu Klößen geformt noch gekocht.

Nun aber endlich das Rezept. Die Mengenangaben sind nur ungefähr. Der eine mag mehr Brot, der andere mehr Mohn.

500 g frischgemahlenen Mohn. Er darf nicht länger als 2 Tage vorher gemahlen werden, weil er leicht ranzig wird.
5 - 6 trockene Brötchen
etwa 150 g grobgehackte Mandeln
je 50 g Zitronat und Orangeat
Zucker nach Geschmackv 2 - 3 Vanillezucker
einige Tropfen Bittermandelöl, Vorsicht!
in Rum getränkte Rosinen
Milch

Den Mohn mit kochender Milch übergießen. Er muß gut bedeckt sein, da er noch etwas aufquillt.
Die kleingeschnittenen Brötchen in Milch einweichen. Sie zerfallen nicht so sehr, wenn du sie in kalter Milch einweichst. Aber bei kalter Milch besteht die Gefahr, daß die Mohnklöße sauer werden. Entscheide danach, wie schnell sie wahrscheinlich gegessen werden.
Wenn der Mohn erkaltet ist, gib alle anderen Zutaten dazu, rühre um, schmecke ab und laß alles einige Stunden durchziehen.

Mohnklöße kann man die ganzen Weihnachtstage über essen. Am Weihnachtsnachmittag, zum Frühstück, wann immer man will, sollte man Zugang zu der großen Schüssel haben.

Ein, zwei Töpfchen würde ich in den Tiefkühlschrank stellen. Schleckermäuler werden es dir zu einem Kaffee im Januar oder Februar danken.


Jahre nachdem ich dir über die Mohnklöße und ihren von mir vermuteten Ursprung geschrieben habe, schenkte mir Helling ein Buch:

Essen und Trinken mit Kabarettisten (dtv, München 2002)

in dem etwa 20 Kabarettisten ihre Lieblingsgerichte vorstellen.

Na, ja, ganz so falsch lag ich mit meinen Überlegungen nicht.
Der von mir sehr verehrte und bewunderte Dieter Hildebrandt ist einer der Autoren. Er erzählt hinreißend die Geschichte der schlesischen Mohnklöße: „Wie man 1945 Mohnkließla machte.“ Die Familie kam im letzten Kriegsjahr aus Schlesien, in der Oberpfalz feierten sie ihr erstes Weihnachten nach dem Krieg. Sie hatten noch nicht einmal einen Tisch, aber am 24. Dezember müssen Schlesier Mohnklöße essen, „weil ihnen damit garantiert wird, daß das Geld nicht ausgeht.“ Die Familie Hildebrandt hatte kein Geld aber gute Laune. Dieter Hildebrandt erzählt – sehr lehrreich für unsere Überflußgesellschaft – was alles zu bewältigen war, um die Zutaten: Mohn, Milch, Zucker und Semmeln herbei zu schaffen.

In seinem Rezept von 2002 sind dann auch noch Sultaninen und Mandeln aufgeführt. Weihnachten 1945 waren diese Zutaten nur in Utopia zu finden.

REZEPT DES TAGES

JedenTag eine neue Idee! Heute:
HÜHNERSALAT
Hühnersalat aus vielen frischen Zutaten.
Rezept aufrufen.

KUCHEN DER WOCHE

Jeden Montag neu!
Diese Woche:
ZITRONENKUCHEN
Durch die Zitronen frisch und nicht zu süß.
Rezept aufrufen.

Besonders ans Herz gelegt bei
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Fast schon eine eigene Rezeptesammlung:

Familie, Frühstück und ein runder Tisch mit einem Durchmesser von 1,35 Metern.

1000 und eine köstliche Anregung zu einem ausgedehnten Frühstück für die ganze Familie und oder den Freundeskreis.
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